Vom Samen zum Samen: Wie der Hof Schwarzenbach den Kreis schliesst

Manche Tomaten ernten wir nicht.

Sie hängen noch Ende August in der Sonne — schwer, überreif, und wir greifen nicht danach. Sie dürfen hängen bleiben. Sie dürfen ausreifen. Weil aus ihnen — aus diesen Samen — die Pflanzen fürs nächste Jahr werden.

Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist Absicht.

Was der Garten gerade macht

Wenn die Bohnenhülsen anfangen zu rascheln und sich die Blütenstände trocken zur Seite neigen, ist Anfang September auf dem Hof Schwarzenbach. Die Saison wechselt nicht schlagartig — sie dreht sich langsam, von Fülle in Vorbereitung.

Der Garten gibt in dieser Zeit zweierlei: die Ernte — und die Saat für das nächste Jahr.

Wer alles erntet, hat mehr im Keller. Wer manche Pflanzen bewusst ausreifen lässt, hat mehr im Garten — im nächsten April, wenn der Boden sich wieder erwärmt.

Warum das funktioniert: samenfeste Sorten

Damit die Samen wirklich sortenrein weiterwachsen, braucht es die richtigen Pflanzen: samenfeste, offen abblühende Sorten. Bei F1-Hybriden, wie man sie im Gartenhandel häufig findet, sind die Nachkommen nicht sortenrein — die Samen aus einer solchen Tomate bringen im nächsten Jahr unberechenbare Pflanzen.

Bei samenfesten Sorten ist das anders. Sie geben ihre Eigenschaften weiter. Pflanze für Pflanze, Jahr für Jahr.

Auf einem Hof, der eine bunte Mischkultur mit hoher Biodiversität pflegt — als Biodiversitätsparadies zwischen Niesen und Thunersee —, ist das kein Sonderfall. Es ist Grundlage.

Das Saatgut von hier kommt von Pflanzen, die sich an diesen Boden, dieses Klima und diesen Sommer angepasst haben. Nicht ausgewählt aus einem Katalog — sondern hier gewachsen, hier gereift.

Wie es geht

Die Grundzüge sind einfach:

Tomaten — die reifsten Früchte einer gesunden Pflanze bleiben hängen, bis sie vollständig ausgereift sind. Die Samen werden herausgelöst, kurz in etwas Wasser gegeben, damit sich das Fruchtfleisch löst, dann gewaschen und auf einem flachen Untergrund getrocknet.

Bohnen und Erbsen — die Hülse bleibt an der Pflanze, bis sie sich verfärbt und trocken wird. Wenn sie raschelt, ist sie fertig. Dann lässt man das Saatgut noch eine Weile im Haus nachtrocknen, bevor die Samen herausgelöst werden.

Blumen wie Ringelblume — die Blütenköpfe bleiben stehen, bis sie trocken sind und die Samen sich leicht lösen lassen. Dann werden sie abgeschnitten, auf einem Blatt Papier ausgeschüttelt, getrocknet.

Danach: trocken, kühl und dunkel lagern — in kleinen Papiertüten oder Gläsern, beschriftet mit Sortenname und Jahr. Richtig getrocknet bleibt Saatgut je nach Art mehrere Jahre keimfähig.

Was im nächsten Frühling ausgesät wird, lag im September dieses Jahres in der Hand.

Der Bogen, der sich schliesst

Im Frühling wurde gesät. Im Sommer wuchs alles. Im August wurde geerntet und haltbar gemacht. Und jetzt, am Übergang vom Sommer in den Herbst, schliesst sich der Kreis: Der Garten gibt seine eigene Saat für das nächste Jahr.

Das ist Permakultur-Prinzip. Ein System, das sich selbst trägt. Das weniger braucht, weil es mehr aus dem zurückgewinnt, was ohnehin schon da ist.

Vielfalt erhalten. Standortangepasstes Saatgut gewinnen. Den nächsten Sommer schon jetzt in die Hand nehmen.

Der stille Moment

Es gibt etwas Ruhiges an diesem Übergang. Die Ernte-Betriebsamkeit legt sich. Der Blick im Garten wird langsamer. Man schaut auf eine Pflanze und fragt nicht mehr: Wann ist sie reif zum Ernten? — sondern: Welche davon darf noch stehen bleiben?

Das ist Anfang September auf dem Hof Schwarzenbach.