Das nächste Gartenjahr liegt schon im Glas

Die Beete sehen durch aus. Braun, verblüht, die Stängel gebogen, die Blüten längst welk. Wer jetzt ins Beet schaut, sieht das Ende der Saison.

Wir sehen etwas anderes: Erntezeit.

Nicht für den Teller — für nächstes Jahr. In den trockenen Samenständen, in den papiertrockenen Hülsen der Bohnen, in der vollreifen Tomate am Ende ihrer Pflanze sitzt das Gleiche: die nächste Generation. Ein Samen, der wartet.

Was in einem Samen steckt

Ein Samen ist kein Rest und kein Abfall. Er ist der kondensierte Anfang. In ihm steckt die gesamte Erbinformation der Pflanze, eine Energiereserve und die Fähigkeit, im richtigen Moment auszutreiben.

Was im Frühling als Setzling begann — die Tomate, die Bohne, der Salat, die Ringelblume — kehrt im Herbst als Samen zurück. Wer ihn aufhebt, hat das nächste Gartenjahr bereits in der Hand. Das ist kein poetisches Bild. Das ist, was Saatgut ist.

Ein Garten, der sein eigenes Saatgut gewinnt, erneuert sich aus sich selbst. Er wird unabhängiger — vom Katalog, vom Kaufdatum, vom was-es-dieses-Jahr-gibt. Das ist das Permakultur-Prinzip in seiner ruhigsten Form: Was vorhanden ist, bleibt im Kreislauf.

Die Einfachen und die Heiklen

Nicht von jeder Pflanze lässt sich Saatgut gleich einfach gewinnen. Es gibt einen Unterschied, der sich lohnt zu kennen.

Selbstbestäuber wie Tomaten, Buschbohnen, Stangenbohnen, Erbsen und Kopfsalat bestäuben sich in der Regel selbst. Das Risiko unerwünschter Kreuzung mit Nachbarpflanzen ist gering; das gewonnene Saatgut bleibt weitgehend sortenrein. Ein guter Einstieg für alle, die das zum ersten Mal versuchen.

Fremdbestäuber wie Kürbis, Zucchini und Gurke werden von Insekten bestäubt — und kreuzen sich, wenn verschiedene Sorten nah beieinander stehen oder Nachbarsgärten ähnliche Pflanzen haben. Das daraus gewonnene Saatgut kann dann überraschende Eigenschaften mitbringen. Nicht schlimm, aber man sollte es wissen — und für den Anfang besser bei den Selbstbestäubern bleiben.

Eine zweite Bedingung gilt für alle: Das Saatgut muss von samenfesten, offen abblühenden Sorten stammen. Von F1-Hybriden — erkennbar am «F1»-Vermerk auf der Samentüte — kommt die nächste Generation nicht sortentreu. Wer eigenes Saatgut gewinnen möchte, wählt samenfeste Sorten; von ihnen lässt sich Jahr für Jahr verlässlich weiterziehen.

Ernten, Trocknen, Aufbewahren

Bei Trockensamen — Bohnen, Erbsen, viele Blumen — ist der richtige Moment, wenn die Hülle oder der Samenstand fast ganz braun und trocken ist. Lieber etwas zu spät als zu früh. Vollreif ist vollreif.

Bei Tomaten geht es etwas anders: Die Samen sitzen in einem Gel, das ihre Keimfähigkeit schützt. Eine kurze Fermentation löst es: Samen mit etwas Wasser in ein kleines Glas, ein bis zwei Tage stehen lassen, dann spülen und gründlich trocknen.

Vor dem Einlagern müssen alle Samen vollständig trocken sein — das ist entscheidend. Feuchtigkeit ist der grösste Feind der Keimfähigkeit. Dann kommen sie kühl, dunkel und luftdicht weg: Papiertütchen im Schraubglas, im Keller oder Kühlschrank, je nach Möglichkeit. Wie lange Saatgut keimfähig bleibt, hängt von der Pflanzenart und den Bedingungen ab; bei guter Lagerung meist ein bis mehrere Jahre.

Und beschriften. Sorte und Erntejahr. Ohne das verliert man nach einem Winter den Überblick.

Von mehreren Pflanzen nehmen, nicht nur von einer einzigen — das erhält die Vielfalt innerhalb der Sorte.

Eine Schweizer Tradition

Was auf einem naturnahen Hof im Kleinen passiert, hat eine grössere Entsprechung in der Schweiz: ProSpecieRara, die Organisation für samenfeste und gefährdete Nutzpflanzensorten, bewahrt über 1700 seltene Sorten in ihrer Samenbibliothek in Wildegg. Über 500 Sortenbetreuende ziehen diese Sorten im eigenen Garten, ernten ihre Samen und geben sie weiter.

Ein Garten, der sein Saatgut selbst gewinnt, steht in dieser Tradition — ohne dass es gross oder formal sein müsste. Es braucht ein Papiertütchen, ein Glas und ein Regal.

Eine Einladung

Ende Oktober ist das Zeitfenster für viele Samen: Die letzten Stände sind reif und trocken; bald kommt die Nässe. Wer eine Pflanze hat, die gut gewachsen ist — die Lieblingsbohne, der Salat, der jedes Jahr kommt, die Ringelblume in der richtigen Farbe — kann jetzt ein paar Samen abnehmen, trocknen, beschriften und aufheben.

Mehr braucht es nicht. Das nächste Gartenjahr liegt schon da.


Mehr aus dem Gartenjahr auf dem Permakultur-Hof Schwarzenbach: permakultur-schwarzenbach.ch